Informationen und Anmerkungen


Bayern, Du machst es besser…?

Ich hatte ja gestern schon kurz auf die neueste Initiative des bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber hingewiesen. Nun liegt mir die Pressemeldung der Staatskanzlei vor, in der diese Initiative konkretisiert wurde:

1. Deutschtest im Kindergarten: Bei allen ausländischen Kindern in Bayern wird künftig bereits ein Jahr vor der Einschulung mit einem Sprachtest geprüft, ob sie Deutsch können.

2. Deutschförderung vor der Einschulung: Kinder, die den Deutschtest nicht bestehen, sollen im letzten Kindergartenjahr eine gezielte Sprachförderung bekommen, um sie auf ihre Einschulung vorzubereiten. Jedes Kind erhält eine gezielte Deutsch-Förderung im Umfang von 160 Stunden.

3. Keine Einschulung in die Grundschule für Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse: Kinder, die nach dem Deutschkurs immer noch nicht ausreichend
Deutsch können, werden nicht mehr in eine reguläre Grundschule eingeschult. Sie gehen künftig auf Förderschulen in spezielle sonderpädagogische Diagnose- und Förderklassen.

4. Sanktionen gegen Integration verweigernde Eltern: Bayern führt als erstes Land konkrete persönliche Sanktionen gegen Ausländer ein, die Integration konsequent verweigern. Erstens werden ausländische Eltern, die ihre Kinder nicht am Sprachtest und am Deutschkurs teilnehmen lassen, künftig mit einem Bussgeld bestraft. Zweitens werden die Grundschulen in ganz Bayern die Ausländerbehörden informieren, wenn ein ausländisches Kind nicht ausreichend Deutsch spricht. Die Ausländerbehörde erhält damit Kenntnis über die mangelnde Integration einer ausländischen Familie und kann die Eltern zu einem Integrationskurs verpflichten.

Insofern möchte ich zunächst festhalten, dass ich durchaus dafür bin, jeden Menschen, der sich dauerhaft in Deutschland aufhält, dazu zu bewegen, die deutsche Sprache zu erlernen. Dafür sollten auf der einen Seite entsprechende Angebote vorgehalten werden, auf der anderen Seite spricht m.E. nichts dagegen, gegebenenfalls mit geeigneten Massnahmen dafür zu sorgen, dass diese Angebote auch wahrgenommen werden.

Dass man das Problem in Bayern (wieder mal) nicht erkannt hat, merkt man allerdings daran, dass das nun beschlossene Massnahmepaket auf ausländische Kinder und ihre Eltern zielt. Zwar liegt es in der Natur der Sache, dass Kinder aus Migrantenfamilien mit einer höheren Wahrscheinlichkeit nicht gut genug deutsch sprechen, um erfolgreich am Unterricht teilzunehmen. Aber die Staatsangehörigkeit kann doch kein Massstab sein! Schliesslich gibt es mittlerweile genügend deutsche Staatsbürger, die der deutschen Sprache nur ansatzweise mächtig sind.

Wenn man schon Sprachstandserhebung macht, dann richtig - nämlich für alle Kinder. Denn auch viele deutsche Kinder hätten Sprachförderung im Kindergarten bitter nötig. Das hat man etwa in Hessen erkannt und in § 58 des Schulgesetzes einen Sprachtest für alle Kinder vorgesehen.

Dass es pädagogischer Wahnsinn ist, Kinder, die noch nicht gut genug deutsch sprechen, in Förderschulen abzuschieben, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu erwähnen.


Dieser Eintrag wurde am Mittwoch, den 5. April 2006 um 7:37 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


9 Kommentare zu “Bayern, Du machst es besser…?”

  1. Ekrem Senol

    Ihren Ausführungen kann ich mich ausnahmslos anschließen. Hinzufügen möchte ich, dass die Folgekosten von Kindern, die wegen mangelnden Deutschkenntnissen in Förderklassen kommen sollen, höher sein werden als die Einführung kostenloser Kindergärten. Diese Menschen werden später höchstwahrscheinlich nicht einmal einen Ausbildungsplatz bekommen und ins soziale Abseits gedrängt.

    Während das deutsche Schulsystem dahingehend kritisiert wird, dass die sehr wichtige und zukunftsweisende Entscheidung für ein Kind - Haupt-, Realschule oder Gymnasium - zu früh getroffen wird (4. Klasse = 10-12 Jahre), geht man in Bayern den umgekehrten Weg und sondiert Kinder noch früher (Kindergarten = 6-7 Jahre) aus und schickt sie in Förderschulen für einen Umstand, der nichts mit dem Intellekt zu tun hat.

    Positiv ist allerdings, dass ein Test gemacht und bei scheitern eine Sprachförderung angeboten wird. Hoffentlich wird das in der Praxis gut umgesetzt und positiv aufgenommen.

  2. Christian

    Mir ist das bayerische Modell noch nicht ganz klar. Wie lange soll denn ein Besuch dieser speziellen Förderklassen dauern? Und folgt danach eine Einschulung in die erste oder ein Übergang in eine höhere Klasse? Mehr als eine kurzfristige Übergangslösung kann das doch eigentlich nicht sein.

  3. Johannes Rux

    Das ist genau das Problem: Noch ist nichts klar ;-) Selbst wenn Kinder mit Sprachschwierigkeiten nur für eine begrenzte Zeit eine spezielle Klasse an einer Förderschule besuchen sollen, wird es ihnen sehr schwer fallen, sich später in der Regelschule zu integrieren. Dies gilt umso mehr, wenn sie als “Förderschüler” stigmatisiert werden. Effektive Sprachförderung funktioniert jedenfalls anders.

    Ich habe den leisen Verdacht, dass die Drohung mit der Förderschule auch ein Anreiz sein soll, sich gleich hinreichende Deutschkenntnisse anzueignen. Die Kinder werden so aber für Versäumnisse ihrer Eltern und der Gesellschaft bestraft. Und das darf nicht sein.

  4. Leo

    Die Beschränkung der Sprachtests auf “ausländische” Kinder (schon dies kann man ja auslegen) haben Sie ja zu Recht schon kritisiert. Hinzufügen würde ich sogar noch Erhebungen der kognitiven Fähigkeiten. Darauf folgend eine abgestimmte vorschulische Förderung. Sehr interessant finde ich auch das teils praktizierte Modell einer fliessenden Schuleingangsphase. Erste und zweite Klasse zusammengefasst, an zwei Terminen im Jahr Einschulung und dann ein flexibler Übergang in die dritte Klasse je nach Leistungsstand. Im Zusammenhang mit einer Ganztagsschule (und vorschulischem Sprachtraining) sollten bis zu drei Jahre ausreichen, um ein ausreichendes Sprachniveau zu erreichen.
    Leider ist es noch immer schwierig, in manchen Kreisen für kostenlose Kindergärten zu werben. Nur der Hinweis, dass schlecht ausgebildete Kinder ein Leben lang Kosten verursachen, ist für Manche ein Argument. Der Hinweis auf früh verbaute Lebenswege interessiert leider allzu viele Menschen nicht.

  5. Omar Abo-Namous

    Möchte nur hinzufügen, dass das System scheinbar zumindest zum Teil dem niedersächsischen System abgekupfert wurde.

    Persönlich bin ich der Meinung, dass Sprache nicht das Hauptproblem ist. Ich bin mit zehn Jahren aus dem Ausland in die 5. Klasse (Gymnasium) gekommen und meine Deutschkenntnisse konnten 2 Semester lang nicht bewertet werden. Trotzdem konnte ich weiterlernen. Was man aber heute beobachten kann (für alle die, die mit Jugendlichen (meinetwegen mit Migrationshintergrund) zu tun haben), ist die fehlende Bereitschaft (oder eher das fehlende Bestreben) zu lernen!

  6. Johannes Rux

    @Omar: Da haben Sie aber großesGlück gehabt. Die meisten Kinder, die ohne hinreichende Sprachkenntnisse nach Deutschland kommen, erhalten auch heute noch eine völlig unzureichende Förderung.

    Ob das Problem auf die fehlende Lernbereitschaft der Jugendlichen zurück zu führen ist, möchte ich doch bezweifeln. Selbst wenn dieser Befund zutreffen sollte, müsste man sich über die Gründe klar werden. Jedenfalls besteht kein Anlass, den Jugendlichen die Verantwortung zuzuweisen. Solange sie keine Perspektive haben, die Kompetenzen nutzen zu können, die ihnen in der Schule vermittelt werden sollen, kann man von ihnen auch nicht die Bereitschaft erwarten, ihre Zeit und Aufmerksamkeit der Schule zu widmen.

    Umgekehrt: Bayerns Hauptschulen sind deshalb keine Sackgassen, weil es dort noch weit mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt als z.B. in Berlin. Die Schüler wissen daher, dass sie eine Chance haben.

  7. Pille

    Neben den einigen ungeklärten Fragen dieser Initiative, sehe ich weitere Probleme in der Einrichtung von Förderschulen. Es kann und darf meines Erachtens nicht passieren, dass Schüler nur aufgrund mangelnder Sprachkenntniss auf Förderschulen geschickt werden, wenn diese (wahrscheinlich) schlechter angesehen werden als Grundschulen.
    -Wenn fördern, dann richtig.
    Den Förder-Unterricht an sich, empfinde ich als einen Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt der auch in den restlichen Fächern gegangen werden sollte.
    Ich sehe das Hauptproblem, in den weiterführenden-Schulen, in dem, was Omar Abo-Namous schon angesprochen hat. Fehlende Motivation ist ständiger Begleiter in den Kursen meiner Schulen. Was fehlt ist Konkurrenz, denn keiner bemüht sich besser zu sein als der andere, wenige/keiner (zumindest kenn ich keinen) ist stolz auf die Schule die er besucht.
    Ein gesunden Maß an Konkurrenz ist meiner Meinung nach der Motor für bessere Leistungen. Verbunden mit Förderprogrammen wäre es evtl. der Schlüssel zum Erfolg.

  8. Omar Abo-Namous

    @Pille: volle Zustimmung! Vor allem, was die Konkurrenz angeht. Meines Erachtens muss gute Leistung bereits in frühen Jahren konkret belohnt werden. Jeder weiss, dass die “Belohnung” für gute Schulnoten ein guter Start ins Berufs-, Ausbildungs- oder Studienleben darstellt, aber das leuchtet den meisten 6., 7. oder 8.-Klässlern nicht ein! Denen ist es aber auf der anderen Seite wichtig, dazuzugehören, auch wenn das heisst, eben kein “Streber” zu sein. Schlechte Bildung und schlechtes Verhalten beeinflussen sich gegenseitig (imho).

    Das meinte ich auch mit der fehlenden Bildungsbereitschaft. Ich verurteile die Schüler nicht, sondern sehe im System ein Hemmnis für die Lernbereitschaft. Es gibt einen Trend - der aber nicht wirklich stark ist -, der darauf abzielt, ausserschulische Wettbewerbe in den Schulalltag zu integrieren. Das muss meines Erachtens gefördert werden. Ob Lese-, Schreib-, technische oder mathematische Wettbewerbe, das spornt meines Erachtens an. Damit entkommen die Schüler nebenbei der schulischen Alltagslangeweile.

    Und natürlich kann man für Migrantenkinder besondere Wettbewerbe machen, wie das bspw. START versucht, aber letztendlich werden Migranten auch von der Aufwertung des Schulsystems mitprofitieren und daran sollte gearbeitet werden!

  9. Karsten

    Hallo,

    wenn man den Kindern nicht schon im frühen Kindesalter den richtigen Stoff fürs Leben vermitteln kann, werden sie auch nichts lernen und ihr Leben ist vorprogramiert.
    Allerdings halte ich es auch nicht gut, sowas mit Zwang erreichen zu wollen.

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