Informationen und Anmerkungen


Welle von Abmeldungen vom Ethik-Unterricht in Berlin

In SPON wird über die Versuche Berliner Eltern berichtet, ihre Kinder vom Ethik-Unterricht abzumelden, der seit Beginn des Schuljahres für alle Schüler der 7. Klasse obligatorisch ist.

Man muss sich schon über das Demokratieverständnis der evangelischen Kirche wundern, wenn ein (namentlich nicht genannter) Sprecher SPON die Auskunft gibt, dass

auch ein Erfolg der Demokratie

sei, wenn die Neuerung durch die Proteste gekippt werde. Bisher war ich davon ausgegangen, dass Entscheidungen dann demokratisch legitimiert sind, wenn sie entweder im Parlament eine Mehrheit gefunden haben oder bei einer Volksabstimmung angenommen worden sind. Sollten sich die lautstarken “Protestanten” nun durchsetzen, wäre dies daher kein Sieg der Demokratie sondern ein Beleg für die Macht der Kirchen.

Dabei ist die Sache doch ganz einfach: Wenn der Ethik-Unterricht zur Indoktrination genutzt wird - und sei es auch zur Vermittlung eines atheistischen Weltbildes - dann ist er verfassungswidrig und die Schüler und Eltern können sich auf dem Rechtsweg wehren. Nachdem mittlerweile mehrere Klagen abgewiesen wurden, müssen sie den Unterricht besuchen - und werden sicher keinen Schaden dadurch nehmen, wenn ihnen im Unterricht aufgezeigt wird, dass sich die Wertordnung, auf der das Grundgesetz beruht, auch ohne den Rückgriff auf ein religiöses Fundament begründen lässt.

Regelrecht peinlich ist es, wenn der Berliner Landeselternausschuss den Eltern tatsächlich empfohlen haben sollte, ihre Kinder vom Ethik-Unterricht abzumelden. Denn bei diesem Ausschuss handelt es sich um ein Beratungsgremium, dessen Mitglieder sich über die Reichweite der Schulpflicht und die Abmeldemöglichkeiten im Klaren sein sollten.

Eine Anmerkung zum Schluss: Anders als SPON berichtet, gab es bisher in Berlin keine Wahlmöglichkeit zwischen Ethik und Religion, da der Religionsunterricht in diesem Bundesland seit jeher auf rein freiwilliger Basis stattfindet.


Dieser Eintrag wurde am Mittwoch, den 23. August 2006 um 13:25 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht, Staatsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


6 Kommentare zu “Welle von Abmeldungen vom Ethik-Unterricht in Berlin”

  1. Kritiker

    Man kann von keinem Katholiken erwarten, die leider in Berlin ohnehin spärlich gesäht sind, jedoch nach dem Regierungsumzug im Zunehmen begriffen, von einem Atheisten ein Weltbild vermittlt zu bekommen, was seinem und dem seiner Familie konträr ist. Die allgemeine staatliche Schule soll bilden und nicht verblenden. Aber da muss wohl in D wieder erst ein Moslem klagen, bis die Klage Erfolg hat, schrecklich.

  2. Johannes Rux

    da hilft es nicht mal mehr, dass ich die “Protestanten” in Anführungszeichen gesetzt hatte - und was ist mit den Reformierten, und den Freikirchlern?

    Spannend an solchen Kommentaren ist ja, dass sie in der Regel anonym sind. Na gut, dann gibt es die Antwort auch öffentlich: Wieso sollte es einem katholischen oder evangelischen Schüler unzumutbar sein, von einem Atheisten etwas über Werte zu erfahren. Umgekehrt müssen es atheistische Schüler ja auch akzeptieren, wenn ihr Ethik-Lehrer katholisch oder evangelisch ist.

    Entscheidend ist die Professionalität der Lehrkräfte - wenn die gegeben ist, dann kann sich die Schule der Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Konzepte öffnen.

  3. mascha

    @ Kritiker: Augenscheinlich haben Sie nicht einmal im Ansatz das Problem erfaßt: Es existiert keine Staatskirche - vgl. hierzu Art. 140 GG. Dagegen folgt die verfassungsrechtliche Grundordnung unmißverständlich der humanistischen Vorstellung von Ethik, Sitte und Moral (auch wenn man sich tagtäglich fragt, ob dies tatsächlich noch der Fall ist). Der Staat besitzt die Autorität, seinen jungen Bürgern verpflichtend die Grundzüge jener Ethik nahe zu bringen. Insoweit kann man auch von “Katholiken” erwarten, dass diese ihren Kindern bei der Vermittlung jener Grundwerte unterstützend zur Seite stehen. Das von Ihnen angesprochene “Verblenden” war und ist dagegen seit Jahrhunderten glanzvolles Hilfsmittel der christlichen Missionierung und endete, soweit es seine blendende Wirkung verlor, auch schon mal in der Verfolgung und der physischen Existenzvernichtung Andersdenkender. Auch würde ich an Ihrer Stelle die Kontrarität des Wetbilder der Atheisten und Katholiken nicht überbetonen. Sonst könnten erstere ganz schnell auf den Gedanken kommen, dass Art. 4 GG völlig überflüssig ist und die Katholische Kirche als verfassungsfeindliche Organisiation im Grunde genommen verboten gehört. Letztlich: Das Recht, dass Sie als Katholik für sich einfordern, gilt in gleichem Maße für den Hindu, den Moslem, den Juden und den Buddhisten - vgl. Art. 4 GG (ggf. i.V.m. Art. 3 GG) - ja - genau der Grundrechtsartikel, der Sie in Ihrer Glaubensfreiheit verdanken. Aber glücklicher Weise sind Sie gegenüber anderen Glaubensrichtungen ja grundsätzlich aufgeschlossen und haben keinerlei Vorurteile.

  4. mascha

    Man verzeihe mir meine Fehler - … es muß natürlich heißen: ” … dem sie Ihre Glaubensfreiheit verdanken …”

  5. Max

    @ mascha
    Man ist als Leser etwas irritiert, dass auf den provozierenden Kommentar irgendeines “Kritikers” sofort der verbale Hammer ausgepackt und draufgeschlagen wird.
    Mir erschließt es sich nicht ganz, warum hier im Zusammenhang mit den Berliner Entwicklungen gleich eine Generalabrechnung mit dem Katholizismus verfasst werden muss…
    Die Aggressivität ihrer Entgegnung lässt doch an der Souveränität und ( lediglich gefühlten?) moralischen Überlegenheit des “Humanisten” (ist doch richtig, oder?) mascha zweifeln.

    Besonders der Teil “Auch würde ich an Ihrer Stelle die Kontrarität des Wetbilder der Atheisten und Katholiken nicht überbetonen. Sonst könnten erstere ganz schnell auf den Gedanken kommen, dass Art. 4 GG völlig überflüssig ist und die Katholische Kirche als verfassungsfeindliche Organisiation im Grunde genommen verboten gehört.” ist eher unfreiwillig komisch als überzeugend.

    Ich bin mir sicher, die Katholiken von Flensburg bis Garmisch - Partenkirchen zittern schon! :-)

  6. mascha

    @ Max
    Hinsichtlich des verbalen Hammers: Nun - nach meinem Dafürhalten ist dieser durchaus sanft zum Einsatz gelangt. Wer - zudem noch anonym - provozieren will, sollte sich der Reaktion bewußt sein, die er im entsprechenden Forum hervorruft. Darüber hinaus habe ich zu keinem Zeitpunkt eine wertmäßige Klassifizierung der ethisch-moralischen Vorstellungen von humanistischen Atheisten und Katholiken angestellt. Insoweit scheint mir Ihre Kritik an meiner gefühlten Überlegenheit als vermeintlicher Humanist letztlich auch am Ziel vorbeizugehen (wobei es natürlich symptomatisch für eine entsprechend gefärbte Diskussion ist, dass der Hinweis auf “Unzulänglichkeiten” in der Kirchengeschichte mit dem Versuch der persönliche Diskreditierung des Kritikers pariert wird). Dass ich in diesem Zusammenhang keinerlei Ambitionen hinsichtlich einer Generalabrechnung mit dem Katholizismus hege, versteht sich von selbst - weder fühle ich mich hierzu berufen, noch bietet die hiesige Diskussion hierfür das geeignete Forum für eine solche.

    Das Sie allerdings die Ironie im Zusammenhang mit der Verfassungsfeindlichkeit kirchlicher Strukturen erkannt haben, spricht wiederum für Sie. Allerdings hätte diese “Rechtsfrage” ja auch einen Studierenden im 1. Fachsemester Rechtswissenschaften nicht mehr aus der Bahn geworfen.

    … und was das Zittern der Katholiken von Flensburg bis Garmisch anbetrifft: Bei dem derzeit anhaltenden Mitgliederschwund in den Reihen auch der katholischen Kirche ist ein solches durchaus spürbar. ;-) Dies gilt um so mehr wenn man den demographischen Prognosen einer Vielzahl von Entwichlungsforschern Glauben schenkt, welche eine spürbare Stärkung des Islams in Mitteleuropa vorhersagen ;-)

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