Informationen und Anmerkungen


Studiengebühren in Bochum

Tommy (welcome back!) hat ja bereits darauf hingewiesen, dass auch in Bochum die Einführung von Studiengebühren beschlossen wurde. Die Gebührensatzung ist in der Tat interessant, da sie unter anderem das nachholt, was der Gesetzgeber im HFGG versäumt hat, nämlich eine Antwort auf die Frage, wofür die Mittel eigentlich verwendet werden sollen.

Interessant ist dabei zum einen die Verteilung der Mittel auf die Fakultäten und das Rektorat im Verhältnis 2:1. Berücksichtigt man, dass mit den Rektoratsmitteln nicht etwa ein allgemeiner “Verwaltungsoverhead” finanziert werden soll, sondern

- Verbesserung der Ausstattung, des Services der Universitätsbibliothek
- Verbesserung der medialen Hörsaal-, Seminarraumausstattung
- Qualitätssicherungsprogramme
- Unterstützung der Betreuung von Kindern von Studierenden
- Unterstützung der fakultätsübergreifenden Lehre und der fakultätsübergreifenden Studiengänge
- Verbesserung der Medienausstattung für Aufgaben der Lehre

so scheint das nicht völlig unangemessen. Die Fakultäten können die Einnahmen unter anderem für folgende Zwecke verwenden:

- Aufbau, Verbesserung des Tutoriensystems
- Verbesserung der Kleingruppenarbeit
- ergänzende Ressourcen für die Studienberatung
- Modernisierung der Praktika-Ausstattung
- Verbesserung der Bibliotheksausstattung und Auf-, Ausbau einer Lehrbuch- sammlung
- Verbesserung der multi-medialen Ausstattung für Studierende
- Modellprojekte zur Entwicklung neuer Lernformen
- spezielle Beratung, Lehrangebote für ausländische Studierende

Was fehlt? Die Ausweitung des eigentlichen Lehrangebotes! Studierende der Massenfakultäten werden daher nach wie vor in überfüllten Hörsälen sitzen. Sie bekommen dafür zwar - hoffentlich - bessere Bibliotheken und sogar Lehrbuchsammlungen. Aber da hätte man auch gleich sagen können, dass sich die Studierenden bitte die notwendige Fachliteratur selbst kaufen sollen. Wenn man dann noch eine Tauschbörse organisiert, wäre man vermutlich bei weniger als 1.000 EUR pro Jahr gelandet…

Die Gründe, die hinter dieser Entscheidung stehen, liegen (fast) auf der Hand: Jede Verbesserung der Betreuungsrelation würde ohne eine gleichzeitige umfassende Studienreform dazu führen, dass die Curricularnormwerte geändert und weitere Studienbewerber aufgenommen werden müssen. Dieses Problem wäre jedoch zu lösen gewesen.

Um die Dimension nochmals deutlich zu machen: Eine Fakultät wie die Juristische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum mit 3.000 Studierenden, wird in Zukunft etwa 1.800.000 EUR pro Jahr aus den Studiengebühren erhalten. Das würde bei Personalkosten von ca. 100.000 EUR für einen qualifizierten Hochschuldozenten oder “Lecturer” immerhin für 18 Stellen reichen. Geht man von einer Lehrverpflichtung von 16 SWS aus, wären das 288 Stunden zusätzlicher Lehrangebote!

Man beachte: Die juristische Fakultät hat derzeit 24 Professoren. Geht man von durchschnittlichen Personalkosten in Höhe von 150.000 EUR für jeden Lehrstuhlinhaber und davon aus, dass diese die Hälfte ihrer Arbeitszeit auf die Lehre verwenden, dann entspricht dies ebenfalls 1.800.000 EUR pro Jahr!

Oder anders formuliert: In Zukunft zahlen die Studierenden im Grunde die gesamte Lehre der Professoren aus eigener Tasche… Da kann man angesichts der Rechtsprechung zum Gebührenrecht schon irgendwie ins Grübeln kommen….

P.S.: Die Personalkosten sind SEHR grosszügig gerechnet und beinhalten bereits die Kosten für die Ausstattung des Arbeitsplatzes etc.: So geht etwa die DFG davon aus, dass ein C4/W3-Professor mit West-Besoldung im Durchschnitt weniger als 95.000 EUR pro Jahr kostet.


Dieser Eintrag wurde am Dienstag, den 19. September 2006 um 12:01 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


4 Kommentare zu “Studiengebühren in Bochum”

  1. Tommy

    “Die Gründe, die hinter dieser Entscheidung stehen, liegen (fast) auf der Hand: Jede Verbesserung der Betreuungsrelation würde ohne eine gleichzeitige umfassende Studienreform dazu führen, dass die Curricularnormwerte geändert und weitere Studienbewerber aufgenommen werden müssen.”

    Bedeutet das, je mehr Geld investiert wird, desto mehr Studenten müssten aufgenommen werden - was wiederum die Investionen negiert?
    Dann scheint nicht Geldmangel das Problem zu sein, sondern das System selbst…

  2. Tommy

    Sorry, Investitionen natürlich. ;-)

  3. Johannes Rux

    @ Tommy:

    Das ist in der Tat genau das Problem: Wenn ich in das Lehrangebot investiere, vergrößere ich die Kapazitäten und muss mehr Studierende zulassen. Das ist die Folge der NC-Rechtsprechung des BVerfG und der Verwaltungsgerichte: So lange an einer Fakultät noch Platz ist, darf keinem der Zugang verweigert werden.

    Für Juristen ist das bisher egal, da jeder, der Jura studieren will, einen Studienplatz bekommt. Für andere Fächer stellt sich die Lage hingegen ander dar.

    Wie vermeidet diese Folge: Durch künstliche Verknappung. Im Bereich der Naturwissenschaften entscheiden letzten Endes die Laborplätze über die Zulassungszahlen. Bei Juristen könnte man durch Pflichtpraktika einen “Flaschenhals” schaffen. So wurden etwa die Studiengänge der einstufigen Juristenausbildung, die es als Modellprojekt noch bis zum Ende der achtziger Jahre gegeben hatte, nicht für alle Interessenten geöffnet, da die Zahl der Plätze für die praktischen Ausbildungsabschnitte aus Kapazitätsgründen beschränkt war.

    Und: Das System ist insgesamt unterfinanziert. Die Erhöhung der Investitionen würde daher kaum dazu führen, dass sehr viel mehr Studienwillige an die Hochschulen drängen. Aber insbesondere in den Massenfächern könnte das Lehrangebot deutlich verbessert werden.

    Daher ist die Rasenmäher-Lösung der RUB auch nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Ein Orchideenfach mit hervorragender Betreuungsrelation braucht die Mittel aus den Studiengebühren nicht. Es wäre sinnvoller gewesen, die Gebühren nach Bedarf zu staffeln. Aber das widerspricht dem hochschultypischen “Gerechtigkeitsverständnis”, nach dem ja auch Kürzungen immer alle treffen müssen - und nicht nur diejenigen, deren Angebote nicht mehr nachgefragt werden.

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