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Der resignierte Rektor… und die Alternativen

Beim Lesen dieses Beitrags auf dem JurBlog ist mir Folgendes in den Sinn gekommen:

knifflig: auf der einen Seite ist die ursprüngliche Argumentation des Rektors natürlich hahnebüchen und zeugt allenfalls von der Unfähigkeit der Schulaufsichtsbehörden, den Schulleitern die wesentlichen Rechtsgrundlagen ihrer Tätigkeit zu vermitteln.

Auf der anderen Seite gibt es einen Punkt, der hier stört: Von einer religionsmündigen Schülerin kann und muss verlangt werden, dass sie sich selbst für ihre Rechte einsetzt. Sie darf sich dabei zwar von ihrer Familie unterstützen lassen. Sofern aufgrund der Umstände jedoch davon auszugehen wäre, dass hier in erster Linie die Eltern Druck machen und sich die Schülerin selbst nur widerwillig diesem Druck beugt, ist die Schule in der Zwickmühle. Denn dem Grundrecht der Schülerin könnte sie nur dadurch zur Geltung verhelfen, dass man ihr das Kopftuch verbietet - das wird aber wiederum dazu führen, dass die Eltern den Druck erhöhen.

Selbstverständlich bedeutet dieser Einwand nicht, dass alle Schülerinnen, die im Unterricht ein Kopftuch tragen wollen, das nur auf Druck ihrer Eltern tun. Aber es ist sicher klar, dass das durchaus nicht selten vorkommt.

Hier ist das pädagogische Fingerspitzengefühl der Lehrkräfte in höchstem Masse gefordert: Denn sie müssen der Schülerin vermitteln, dass man auch sie als Person ernst nimmt, obwohl man sich formal dem Willen der Eltern beugt. Und das ist in der Praxis kaum zu schaffen.

Das Koftuch ist im Übrigen vergleichsweise unproblematisch. Kniffliger sind die Fälle, in denen eine Befreiung vom Unterricht oder von Klassenfahrten verlangt wird. Hier sind mittlerweile einige Schulen dazu übergegangen, mit neu aufgenommenen Schülern und ihren Eltern Verträge zu schliessen, in denen klargestellt wird, dass der Sport- und Schwimmunterricht, die Sexualkunde oder der Biologieunterricht ebenso zum verbindlichen Unterrichtsprogramm gehören, wie die Teilnahme an Klassenfahrten. Zwar sind diese Vereinbarungen im Zweifel das Papier nicht wert, auf dem sie ausgedruckt wurden. Aber den Beteiligten ist damit klar, auf was sie sich einlassen. Und die Neigung, später doch aus religiösen Gründen auf einer Ausnahme zu bestehen, ist dementsprechend gering. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Schulen richtig vorgehen und den Schülern und Eltern klar machen, warum es wichtig ist, Schwimmen zu lernen, sich gemeinsam mit anderen sportlich oder sonst zu betätigen, oder Kenntnisse der Evolutionsbiologie und Sexualkunde zu haben.


Dieser Eintrag wurde am Donnerstag, den 9. November 2006 um 16:45 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht, Staatsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


5 Kommentare zu “Der resignierte Rektor… und die Alternativen”

  1. Ekrem Senol

    Mehr als das Auftreten des Rektors finde ich an dieser Angelegenheit ärgerlich, dass ein Schuldirektor, der höchstwahrscheinlich weder den Koran studiert hat oder sonst viel Ahnung vom Islam haben dürfte, solche Argumente zusammentragen kann. Das sind Resultate von Äußerungen vieler Politiker. Zwangsläufig wird bei vielen Menschen der Eindruck erweckt, der Kopftuch sei keine Pflicht, würde für Unterdrückung der Frau stehen etc.

    Ob das Kopftuch nun tatsächlich ein Pflicht ist oder nicht spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Das mag jeder für sich selbst Entscheiden. Und genau das ist das Problem der öffentlichen Diskussionen der letzten Monate. Selbst Theologen geben da unterschiedliche Meinungen von sich. Dennoch wird seit Monaten der Eindruck erweckt, der Kopftuch sei eben keine Pflicht. Das Verhalten des Schulleiters ist hier im Grunde genommen nur ein Produkt der Diskussionen der letzten Zeit über das Kopftuch. Mehr Verantwortung im Umgang mit solchen Themen ist notwendig.

  2. Tommy

    @ ES
    Die Türkei hat das Kopftuchproblem gut gelöst. Es ist doch interessant, wie radikal dort die Verbannung dieses Symbols aus öffentlichen Bildungseinrichtungen stattfindet. Meinen Sie, auch dort habe niemand den Koran studiert oder habe keine Ahnung vom Islam?
    Ich glaube gerne, dass viele Frauen und Mädchen freiwillig ein Kopftuch tragen und es lediglich aus religiösen Gründen tun - aber viele eben auch nicht. Es kann nicht Aufgabe eines Schulleiters sein, das im Einzelfall zu entscheiden.
    Ich fände ich eine völlige Verbannung von religiösen Symbolen aus öffentlichen Schulen am empfehlenswertesten - selbstverständlich sollten auch christliche Symbole verschwinden.
    Wer seine religiösen Überzeugungen unbedingt auch in der Schule ausleben möchte, muss sich eine passende Privatschule suchen.

  3. Ekrem Senol

    @ Tommy

    Die Türkei ist ein laizistisches Staat. Deshalb wurde die Debatte, ob das Kopftuch nun Pflicht ist oder nicht überhaupt nicht geführt. Das spielte überhaupt keine Rolle. In Deutschland ist das verfassungsrechtlich nicht ohne weiteres möglich. Daher ist die Türkei oder Frankreich (ebenfalls laizistisch) kein Vergleich für Deutschland.

    Beim nächsten Punkt sind wir einer Meinung. Die Entscheidung liegt nicht beim Schulleiter.

    Ob nun alle religösen Symbole aus den Schulen verschwinden sollten, kann man geteilter Meinung sein. Es sprechen viele gute Gründe dafür, aber auch viele Gründe dagegen.

    Würde mich aber freuen, wenn Sie auf das wesentliche meiner Ausführungen eingehen.

  4. Tommy

    Soweit ich die Diskussion in der Türkei ohne türkische Sprachkenntnisse überhaupt verfolgen kann, ist die Lage eben nicht unumstritten. Selbst der Ministerpräsident als Verfassungsorgan möchte anscheinend seinen Töchtern den Laizismus nicht zumuten und lässt sie in den USA studieren, wo sie die Universität mit Kopftuch betreten dürfen… Aber das nur am Rande.
    Zu Ihren Ausführungen: Es ist objektiv eben nicht zu entscheiden, ob das Kopftuch eine religiöse Pflicht ist oder nicht. Es ist auch nicht Aufgabe des Staates das zu tun, er ist für Koranauslegung nicht zuständig.
    Der Staat kann aber festellen, das zumindest für einen Teil der Muslime das Kopftuch eine bestimmte Bedeutung hat, die er nicht billigen kann, die er auch nicht billigen muss. Es ist eine Abwägungsfrage, wie dramatisch die Situation eingeschätzt wird.

  5. Johannes Rux

    @Ekrem Senol: Es klingt in der Tat so, als ob hier “Zeitungswissen” im Vordergrund stand. Es ist eben nicht allgemein bekannt, dass nach der Rechtsprechung des BVerfG für die Auslegung der Religionsfreiheit das Selbstverständnis des Grundrechtsträgers massgeblich ist.

    Bildungsrechtlich spannend ist das Argument, dass die Schülerin nicht mehr der Schulpflicht unterliege: Beim “Schächten” bin ich etwa der Ansicht, dass der Gesetzgeber dies verbieten dürfte, sofern belegt wäre, dass die Tiere auch beim sachgerechten Schächten größere Leiden erdulden müssen als bei einer vorherigen Betäubung (das ist aber m.W. bis heute nicht belegt). Die Religionsfreiheit käme dann nicht zum Tragen, weil es zwar ein Verbot git, das Fleisch von Tieren zu essen, die nicht völlig ausgeblutet sind, aber kein Gebot, überhaupt Fleisch zu essen. Würde man das nun auf die Schule übertragen, könnte man in der Tat damit argumentieren, dass die Schülerin da ja nicht mehr hin muss. ABER: Es gibt eben nicht nur eine Schulpflicht, sondern auch ein Recht auf Bildung, das zumindest den gleichberechtigten Zugang zu Bildungseinrichtungen umfasst - und die Religionszugehörigkeit ist kein Ausschlusskriterium.

    @Tommy

    Es wäre in der Tat zu überlegen, ob nicht der Laizismus das bessere Modell ist. Allerdings zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre gerade in der Türkei und in Frankreich (oder auch in einigen laizistischen Kantonen der Schweiz), dass das Problem damit nur zugedeckt wird. Für die Angehörigen der Minderheit bedeutet die Neutralität, dass sie aus der Öffentlichkeit verschwinden: Konkreter gesagt: Der muslimischen Schülerin, der nur Lehrkräfte hat, die so aussehen, wie die christliche Mehrheit, wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass dieser Beruf für sie gar nicht erst in Frage kommt. Daher bin ich selbst mittlerweile der Auffassung, dass man hier offener sein sollte - und die Unterschiede diskutieren muss, dass alle Beteiligten des Schulverhältnisses verstehen, warum sich jemand auf eine ganz bestimmte Art und Weise verhält. Und wenn im Rahmen dieser Diskussionen der eine oder die andere zu dem Ergebnis kommt, dass das Kopftuch eben doch nicht vom Koran geboten ist, dann wäre das ebenso hinzunehmen, wie der Fall, dass eine Schülerin sich nach den Diskussionen dazu entschliesst, auch ein Kopftuch zu tragen.

    Denn die Motive sind in der Tat sehr unterschiedlich…

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