Informationen und Anmerkungen


VGH Mannheim setzt Französisch-Pflicht aus

Der VGH Mannheim hat im Wege der einstweiligen Anordnung die Bestimmungen der Stundentafelverordnung für Gymnasien über die Pflichtfremdsprache in Klasse 5 ausser Kraft gesetzt. Nach dieser Verordung sollten alle Gymnasien innerhalb der “Rheinschiene”, also denjenigen Landkreisen, die an Frankreich grenzen, dazu verpflichtet sein, in Klasse 5 Französisch als Pflichtfremdsprache anzubieten. Dies ist die logische Konsequenz aus der früheren Entscheidung der Landesregierung, in den Grundschulen innerhalb der Rheinschiene Französisch-Unterricht anzubieten.

Die Eltern, die nun mit ihrem Antrag erfolgreich waren, haben eine Verletzung ihres Erziehungsrechts und einen ungerechtfertigten Eingriff in das Persönlichkeitsrecht ihres Kindes geltend gemacht. Der VGH hat hingegen in erster Linie darauf abgestellt, dass die Verordnung insofern schon aus formellen Gründen rechtswidrig sei: Da die regionale Differenzierung bei Fremdsprachenunterricht einen Schulwechsel innerhalb des Landes deutlich erschwere (ausserhalb der Rhein-Schiene ist Englisch die erste Pflichtfremdsprache), wäre hier eine Leitentscheidung des Gesetzgebers notwendig gewesen. Für die Entscheidung über die Einführung des Französisch-Unterrichts an den Grundschulen des Landes sei dies nicht notwendig gewesen, da dieser Unterricht nicht versetzungserheblich ist (AZ: 9 S 1298/07).

Die Entscheidung des VGH ist merkwürdig inkonsequent: Zwar trifft die These zu, dass ein Schulwechsel innerhalb des Landes erschwert wird. Dies liegt aber weniger daran, dass der in der Grundschule begonnene Französisch-Unterricht auch in der 5. Klasse des Gymnasiums fortgesetzt werden muss, sondern viel eher an der Entscheidung, den Schulen die Entscheidung darüber zu überlassen, ob der Unterricht in der zweiten Fremdsprache in Klasse 5 oder in Klasse 6 beginnen soll: Denn es ist zu erwarten, dass die allermeisten Schulen die 2. Fremdsprache erst in Klasse 6 einführen werden - damit besteht aber die Gefahr, dass ein Schüler, der nach der 5. Klasse von einem Landesteil in den anderen wechselt, einen erheblichen Rückstand aufholen muss.

Dieses Problem ist letzten Endes schon in der Grundentscheidung für die regionale Differenzierung beim Fremdsprachenunterricht in der Grundschule angelegt. Völlig unabhängig, ob dieser Unterricht versetzungserheblich ist, hätte diese Entscheidung daher vom Gesetzgeber getroffen werden müssen - der dann auch gezwungen gewesen wäre, sich mit der Frage auseinander zu setzen, ob es wirklich akzeptabel ist, dass aufgrund des Mangels an hinreichend qualifizierten Lehrkräften nur in einem Teil des Landes Französisch-Unterricht angeboten wird, obwohl dieser Unterricht nach den Erkenntnissen der Pädagogik sehr viel besser geeignet zu sein scheint, die Fremdsprachenkompetenz der Kinder nachhaltig zu vebessern: Schliesslich hatte das Ministerium immer wieder betont, dass es den Kindern, die in der Grundschule Französisch lernen sollten, sehr viel leichter fallen würde, in der weiterführenden Schulen auch noch Englisch zu lernen.

Ohnehin hätte man das Konzept der Landesregierung in Frage stellen können und müssen, nach dem die Grundschullehrerinnen und -lehrer durch Fortbildungen auf den Fremdsprachenunterricht vorbereitet werden sollten. Letzten Endes führt dies nämlich dazu, dass das gross angekündigte “Sprachbad” in allzu vielen Fällen zu einer “Sprachpfütze” wird, in der die Kinder mit dem mehr oder weniger deutsch gefärbten Klang der jeweiligen Fremdsprache in Berührung kommen. Was hätte das Land eigentlich daran gehindert, für den Unterricht Muttersprachler aus Frankreich (oder Grossbritannien) einzustellen oder ein Austauschprogramm mit Frankreich aufzulegen?

Man kann auf die Begründung der Entscheidung gespannt sein.


Dieser Eintrag wurde am Dienstag, den 24. Juli 2007 um 9:34 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


6 Kommentare zu “VGH Mannheim setzt Französisch-Pflicht aus”

  1. Ingolf Kreuzer

    Als baden-württembergischer Vater zweier bald schulpflichtiger Kinder, die zum Glück in der “englischen Zone” in die Schule gehen werden, finde ich es außerordentlich bedauerlich, dass hier rein politische Entscheidungen auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Durch das Zwangs-Französisch würde die Mobilität nicht erhöht - was ja offizielle Begründung ist - sondern vermindert. Nämlich die Mobilität der Eltern, die nicht mehr guten Gewissens vom einen in den anderen Bereich umziehen könnten. Auch in Bezug auf die Perspektiven der Kinder halte ich das Mobilitätsargument für äußerst fragwürdig. Angesichts des Lohngefälles gibt es keine nennenswerte Zahl deutscher Arbeitnehmer, die im Elsass arbeiten. Die Pendlerströme verlaufen ganz klar in Gegenrichtung.

  2. Johannes Rux

    @Kreuzer

    1. darf man nicht immer nur auf die “Verwertbarkeit” von Wissen bedacht sein. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Kenntnisse innerhalb kürzester Zeit veralten und durch neuere Erkenntnisse überholt werden, wäre jeder Versuch von Bildung andernfalls zum Scheitern verurteilt.

    2. Schule soll Kompetenzen vermitteln. Das bedeutet im Hinblick auf den Fremdsprachenunterricht zum einen die Fähigkeit, sich in einer bestimmten anderen Sprache zu verständigen. Zum anderen und vor allem aber die Fähigkeit, sich eine Fremdsprache anzueignen. Wer frühzeitig eine Fremdsprache lernt, hat bessere Voraussetzungen, sich weitere Fremdsprachen anzueignen. Das erhöht die Mobilität - und zwar nicht nur im kleinen Grenzverkehr zwischen Deutschland und Frankreich.

    3. Die Mobilität der Eltern wird nicht notwendigerweise behindert, wenn die Kinder in der Rheinschiene in der Grundschule Französisch lernen, im Rest des Landes aber Englisch. Entscheidend ist, dass die Schulen jedem Kind bei einem Schulwechsel zur Seite stehen und ihm den Übergang ermöglichen.

    Also: Obwohl die Entscheidung des VGH Mannheim völlig richtig war, gibt es keinen Grund, alle Kinder schon in der Grundschule Englisch lernen zu lassen.

  3. Hurin Thalion

    Ich selbst hatte Französisch in der Grundschule und ich muss sagen: Nutzlos. Man lernt eine falsche Ausprache weil man es einfach nicht schafft den Kindern den Unterschied zwischen einem Degu und einem Grave beizubringen. Zudem können die meisten in der Grundschule nicht mal richtig Deutsch, die kennen weder Grammatik noch sonstwas, und dann sollen die auch noch frabzösische Verbeformen richtig lernen? Ich wohne nur knapp 10km von der franz. Grenze entfernt und muss sagen, ich brauche kein Französisch. Zum Tanken nicht und sonst gehe ich eh nicht nach Frankreich, außer zur Durchfahrt nach Spanien. Französisch ist keine Weltsprache mehr. Spanisch dagegen schon, fast der ganze Raum Süd- und Lateinamerika spricht Spanisch (mit Ausnahme Brasiliens:portugisisch). Die Ausprache ist für Kinder auch einfacher da sie nicht so “bescheurt§ betont werden muss wie das französische. Klar, Frankreich liegt nahe. Aber sollen die Kinder bestraft werden nur weil sie grad nahe an Frankreich wohnen? Ich habe in der 5. Klasse mit Englisch angefangen und muss sagen, dadurch dass ich dort die Grammatik gut vermittelt bekommen habe, wurde mir französisch dann ab der 7. nicht schwer. Aber als Beispiel: ein Freund hatte mit Französisch angefangen, aber er hat es nicht gepackt. Er wollte auf die Realschule wechseln was nicht ging, die haben keine französisch Klasse in der 5. Daraufhin blieb ihm nur noch die Hauptschule und dort musste er eineinhalb Jahre Englisch nachholen. Französisch im Gymnasium als Pflicht ist wie ein Hochseilakt ohne Netz und doppeltem Boden, man kann sehr tief fallen. Zudem kam auf dem Gymnasium auf dem ich war seit Jahren fast nie eine Französischklasse zustande. Bei meinem Bruder wollten von 124 neuen Fünftklässlern nur 3! mit Französisch anfangen. Zudem hat man es auch bei mir gesehen. Als es daran ging Fächer abzuwählen, da wurde zu 90% Französisch abgewählt. Sagt das nicht alles? Über pädagogischen Wert und so Sachen, darüber will ich mich gar nicht erst einlassen. Aber sollte man die Kinder nicht erstmal Kinder sein lassen? Wenn ich heute in Kindergärten sehe, dann sehe ich so Sachen wie “Zahlenland” oder anderen pädagogischen Schnickschnack. Die Erziehung bleibt da größtenteils auf der Strecke, die Kinder lernen französische Wortfetzen, aber das miteinander spielen, das miteinander auskommen, das lernen sie nicht. Die Kinder lernen dann eine grausige Aussprache und begrüßen einem dann mit einer Mischung aus deutsch, russisch und französich. Hört sich sehr toll an. Früher wurde aus den Kindern auch was Gutes, auch ohne solche Maßnahmen. Ich habe auch ohne Französischpflicht das Abitur geschafft. Und zudem sind solche “Pisa-Studien” auch nicht glaubhaft, da wir an meiner Schule auch daran teilgenommen haben, und da hat meine Klasse zu 90% falsche Antworten gegeben, weil das ja nicht als Prüfung gewertet wurde. Wenn das auf fast jeder Schule so war lässt sich der Schnitt erklären. Und durch Französischzwang wird das auch nicht besser. Jeder sollte das lernen was er für sein Kind am Richtigsten hält. Weil mit Französisch als Pflicht geben viele Bekannte ihre Kinder lieber auf die Realschule als aufs Gymnasium. Trotz Gymnasialempfehlung!

  4. Johannes Rux

    @Thalion

    charmant, charmant. Aber im Ernst: Wenn Sie sagen, dass Sie Französisch in der Grundschule hatten, aber zugleich bereits das Abitur hinter sich haben, dann muss klar sein, dass Ihr Französisch-Unterricht in der Grundschule mit Sicherheit kaum eine Ähnlichkeit mit dem hat, was heute gelehrt wird. Die Unterscheidung zwischen accent grace und accent aigu spielt da ebensowenig eine Rolle wie die Differenzierung der Verbformen. Es geht darum, einen Zugang zur Fremdsprache zu finden, der nach den Erkenntnissen der Psycholinguistik entscheidend dafür ist, dass später weitere Fremdsprachen leicht erlernt werden können. Dieser Zugang kann und soll spielerisch erfolgen.

    Das bedeutet nicht, dass das Konzept der Landesregierung gut wäre: Die Aufteilung in zwei “Sprachzonen” ist nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Vor allem ist es fragwürdig, dass der Unterricht nicht durch Muttersprachler erteilt wird, die den Kindern die “korrekte” Aussprache vermitteln. Die These, dass Kinder “bestraft” werden, weil sie Französisch lernen müssen, ist jedoch mit Verlaub grober Unfug.

    P.S.: Ich hätte besser auf den Namen achten sollen: Am besten wäre es natürlich, wenn die Kinder Elbisch lernen würden. Das ist bestimmt witziger und einfacher als Französisch.

  5. Raimund Pousset

    Lieber Herr Roux,
    damit sie wegen des Namens nicht nochmals nachdenken müssen: er ist hugenottisch, ich hatte Lat./Eng./Griech. in der Schule, leider kein Französisch; meine Tochter Lat./Engl./Franz./Spanisch. Ich bin durchaus frankophil, begrüße aber die Entscheidung des VGH noch aus einem anderen und mir sehr wesentlichen Grund.
    Ich sehe dies als Stärkung des Elternrechts. In der Schule, in die die Kinder schließlich durch Schulpflicht und sogar Schulzwang hineinmüssen, haben Eltern so gut wie nichts zu sagen. Ich habe mein Kind abzugeben, und kann auf die Inhalte keinen oder nur beschränkt Einfluss nehmen. Auch private Ersatzschulen müssen die Lehrpläne erfüllen. Da ist es wohltuend, wenn dieser Lehrplan (über die Stundentafel) nicht durchgesetzt werden konnte. Ich wünsche mir mehr Eltern, die als Citoyens handeln!
    MfG
    Raimund Pousset

  6. Johannes Rux

    @Pousset
    darüber lässt sich trefflich streiten. Allerdings muss man differenzieren: Das Elternrecht steht im Zusammenhang mit der Erziehung in der Schule, also damit, welche Werte den Kindern nahe gebracht werden sollen. Die Sprachenfolge hat damit aber nichts oder allenfalls sehr wenig zu tun. Denn hier geht es um die Inhalte und damit um die Bildung. Und was die Kinder in den Schulen lernen sollen, muss in einem demokratischen Verfahren durch den Gesetzgeber und die Regierung entschieden werden. Dabei kann man es nicht allen recht machen. Entscheidend ist, dass ein Schulwechsel möglich bleibt.

    P.S.: Meine Vorfahren kommen übrigens aus Pommern, aber es kann schon sein, dass das Rux ein verballhorntes Roux ist - vielleicht hat sich ja einmal ein französischer Soldat in der Gegend von Posen verirrt.

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