Informationen und Anmerkungen


Muslimische Schülerin soll am Schwimmunterricht teilnehmen

Wie die Rheinische Post berichtet, wurde einer muslimischen Schülerin in Remscheid die Befreiung vom Schwimmunterricht verwehrt. Die Eltern klagen mittlerweile gegen die Entscheidung der Schule.

Die Situation wurde dadurch verschärft, dass sich der zuständige Schulderzernent Dr. Henkelmann angeblich zu der sehr fragwürdigen Formulierung hat hinreissen lassen, dass derjenige, der anatolische Verhältnisse wünscht, seine Koffer packen solle. Jedenfalls zeigt die Berichterstattung, dass die Nerven aller Beteiligten bloss liegen.

Nun ist es in der Tat eine bedauerliche Tatsache, dass allzu viele Schulen aufgrund der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes sehr grosszügig mit Befreiungsanträgen umgehen, um das Konfliktpotential auf diese Weise zu minimieren. Oft reicht ein formloser Antrag der Eltern aus. Tatsächlich müsste jedoch jede Schule zunächst prüfen, ob der Schwimmunterricht nach Geschlechtern getrennt erteilt werden kann. Ist dies nicht der Fall, stellt sich weiterhin die Frage, ob der Schülerin die Teilnahme möglich ist, wenn sie eine spezielle Schwimmbekleidung trägt. Und selbst wenn diese Alternative ausscheidet, kommt eine Befreiung nur dann in Frage, wenn die Schülerin überzeugende Glaubensgründe darlegt. Dies setzt insbesondere voraus, dass sie sich auch sonst an einer strengen Auslegung des Koran orientiert: Wer bauchfrei in die Schule kommt, geht im Zweifel baden.

Erhebliche Probleme ergeben sich weiterhin daraus, dass religionsmündige Schülerinnen selbst handeln müssen. Sobald ein Mädchen das 14. Lebensjahr vollendet hat, reicht es daher nicht aus, wenn die Eltern einen Antrag stellen. Vielmehr muss die Schule genau prüfen, ob auch die Schülerin hinter der Forderung steht - wobei dies eine Gratwanderung bedeutet, wenn die Schule den Eindruck bekommen sollte, dass die Schülerin von ihren Eltern zu einem bestimmten Verhalten gezwungen wird. Dennoch darf sie auf eine Prüfung nicht verzichten.

Selbstverständlich umfasst die Schulpflicht auch die Teilnahme am Schwimmunterricht und selbstverständlich sollte eine Schule gegenüber den Schülern und ihren Eltern darauf hinwirken, dass alle Schüler an diesem Unterricht teilnehmen. Tatsächlich nehmen die meisten muslimischen Mädchen ohne Weiteres am Schwimmunterricht teil - und zwar oft auch dann, wenn dieser Unterricht koedukativ erteilt wird. Da die Befreiung vom Sport- und Schwimmunterricht aber auch sonst relativ unproblematisch erfolgt, stellt sich die Lage hier aber doch ganz anders dar, als etwa bei einem Antrag, vom Biologieunterricht befreit zu werden, weil dort nicht die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt wird. Wenn der Schule in Remscheid daher nichts anderes einfällt, als der Verweis auf die Lehrpläne, dann könnte man sich ein Gerichtsverfahren sparen.


Dieser Eintrag wurde am Mittwoch, den 30. Januar 2008 um 14:47 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht, Staatsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


12 Kommentare zu “Muslimische Schülerin soll am Schwimmunterricht teilnehmen”

  1. Johann

    Die Mehrkosten für geschlechtergetrennten Schwimmunterricht müssen natürlich von der Verursacherin getragen werden.

  2. Johannes Rux

    Charmant… Aber nein:

    1. verursacht die Schülerin die Trennung des Unterrichts nicht: Ab Beginn und bis zum Ende der Pubertät (heute also wohl vom 9. bis zum 16. Lebensjahr) ist es aus pädagogischen Gründen ohnehin geboten, Schwimm- und Sportunterricht nach Geschlechtern zu trennen. Vor Beginn der Pubertät stellt sich das Problem in der Regel nicht, da es nur wenige Auslegungen des Koran (oder auch der Bibel!) gibt, die bereits für Kinder strenge Bekleidungsregeln statuieren.

    2. entstehen durch die Trennung in der Regel keine Mehraufwendungen. Auf der einen Seite können durch den gemeinsamen Unterricht von Mädchen bzw. Jungen aus mehreren Klassen größere Gruppen geschaffen werden, auf der anderen Seite ist gerade beim Schwimmunterricht zu beachten, dass die Lehrkräfte eine gesteigerte Aufsichtspflicht trifft. In der Regel bedürfen Lehrkräfte, die Schwimmunterricht erteilen, der so genannten “Rettungsfähigkeit”. Sofern der Gruppe auch Schüler/innen angehören, die noch nicht sicher schwimmen, muss die Gruppengröße so bemessen sein, dass die Lehrkräfte ihrer Aufsichtspflicht genügen können - dass dies in der Praxis oft nicht gewährleistet wird, ändert nichts daran, dass Schwimmunterricht zumindest in der Grundschule und in den ersten Klassen der weiterführenden Schulen in der Regel nicht im ganzen Klassenverband erteilt werden darf.

  3. Johann

    Sowohl Pubertätstrennung als auch Gruppengröße müssen natürlich im Einzelfall geprüft werden, etwaige Mehrkosten trägt jedoch ggfs. die Verursacherin.

  4. Johannes Rux

    Noch einmal: Es entstehen keine Mehrkosten, die einer “Verursacherin” zugeordnet werden könnten. Wenn es keinen nach Geschlechtern getrennten Unterricht gibt, dann ist - sofern die übrigen Voraussetzungen vorliegen - die Schülerin von der Pflicht zur Teilnahme zu befreien. Das kostet nichts.

  5. Barde

    Auerhau,

    da wird doch das Huhn in der Pfanne verrückt.
    Anno 1979 gab es auch keine Probleme wenn Mädels und Buben zusammen dem Schwimmunterricht beigewohnt haben
    und in 2007 / 2008 wird sich an der Tatsache wohl nicht all zu viel geändert haben. Außer dass die Alten natürlich noch
    älter sind und die Liberalen immer noch keinen Fuß auf den Boden bekommen.

    Da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln

  6. Johann

    Gott bewahre, dass man diesem Wahnsinn weiter folgt und sich die Gesamtgesellschaft weiterhin diesen religiösen islamischen Fanatikern anpassen muss.

  7. Bekir Altas

    Hinsichtlich ihres Beitrages stellen sich mir zwei Fragen.

    1. Was bedeutet in der Praxis die Darlegung überzeugender Glaubensgründe?

    Die Nennung einer freizügigen Kleidung ist speziell in dieser Angelegenheit zwar nachvollziehbar. Über die religiöse Überzeugung der Personen sagt es aber dennoch wenig aus. Wie ist es Ihrer Meinung nach in den Fällen zu bewerten, wenn ein Mädchen kein Kopftuch aber ansonsten weite Kleidung trägt? Und/oder regelmäßig die Moschee besucht? Und/oder die täglichen Gebete verrichtet?

    Kurzum wann ist ein Mensch gläubig, bzw. geht ihrem Glauben nach? Diese Frage berührt sicherlich auch die Glaubensfreiheit. Ein Mädchen kann nämlich aus Glaubensgründen eine freizügige Kleidung ablehnen, aber zugleich aus welchem Grund auch immer kein Kopftuch tragen. Das kann man ihr nicht verbieten. Sie in dieser Situation vor der Wahl zu stellen, entweder am Schwimmunterricht teilzunehmen oder ein Kopftuch zu tragen, halte ich für nicht richtig. Eine Bewertung, ob die Schülerin dadurch die “strenge Auslegung des Korans” befolgt oder nicht, kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Was ist die “strenge Auslegung des Korans”? In den Islamwissenschaften mag man diese und ähnliche Wertungen ohne weiteres benutzen. In den Rechtswissenschaften dürfte eine derartige Voreingenommenheit ein Problem darstellen.

    2. Stellt eine spezielle Schwimmbekleidung tatsächlich eine Alternative dar?

    Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil aus dem Jahre 1993 ein sogenanntes Burkini nicht als Alternative genannt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Richter dies nicht beachtet hätten. Vielmehr dürften dagegen andere Argumente sprechen, die in dem Urteil ausführlich dargelegt sind. Außerdem sind diese Anzüge eher für den Karneval geeignet als für den Schwimmunterricht. Eine Schülerin mit einer Batman-Bekleidung zur Teilnahme am Schwimmunterricht zu zwingen, halte ich für unangebracht und kontraproduktiv.

    Gruß
    Bekir Altas

  8. Johannes Rux

    @barde: Und was soll das nun bedeuten? Weil man vor 20 Jahren etwas falsch gemacht hat, ist das heute immer noch richtig? Sachliche Argumente sind willkommen. Quasi-Anonyme Kommentare sind immer leicht…

    @Bekir Atlas: Gute Fragen. Meine Meinung nützt Ihnen hier nicht viel, weil es - wie ich darzustellen versucht habe - auf die Umstände des Einzelfalls ankommt. Entscheidend ist nicht, ob jemand “gläubig” ist. Entscheidend ist, ob jemand, der sich auf eine Ausnahmeregelung beruft, dazu in der Lage ist, darzulegen, dass die Voraussetzungen für die Anwendung der Ausnahmeregelung in seinem Fall erfüllt sind. Konkret bedeutet das, dass man von jemandem, der die Befreiung vom Schwimmunterricht aus Glaubensgründen beantragt, erwarten kann und muss, dass er (oder in der Regel sie), aufzeigt, warum es mit ihrem Glauben unvereinbar ist, sich in Badebekleidung Männern oder Jungen zu zeigen. Wenn sich die Begründung in dem Satz erschöpft: “Als Muslima darf/muss ich das nicht.”, ist das nicht genug. Vielmehr kann man ein klein wenig Reflektion verlangen - und zwar auch von einer 14-jährigen.

    Wenn ich auf eine “strenge Auslegung” des Koran abgestellt habe, dann weil es letzten Endes um die Konsistenz der Argumentation geht: Versucht jemand, sein Leben nach bestimmten Glaubensgrundsätzen zu gestalten oder wird der Glaube nur vorgeschoben, um sich eine “Freistunde” zu verschaffen (beides kommt vor).

    Natürlich kann daher auch keine Rede davon sein, dass nur solche Muslime (was ist der Plural von Muslima?) vom Schwimmunterricht befreit werden dürfen, die ein Kopftuch tragen. Es gibt zwischen scharz und weiss auch grau - und die Schwierigkeit besteht darin, sich zwischen hell- und dunkelgrau zu entscheiden. Genau das ist die Aufgabe der Lehrkräfte.

    Zum “Burkini”: Das war vielleicht missverständlich. Die Schule oder die Behörden können nicht vorschreiben, welche Schwimmkleidung verwendet wird. Aber es gibt Fälle, in denen das Problem auf diese Weise gelöst werden konnte. Im Gespräch mit den Betroffenen kann daher durchaus diskutiert werden, ob das ein Ausweg aus der Situation ist, die der Schülerin ermöglicht, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Einen ganzkörper-Badeanzug mit einem “Batman-Kostüm” ztu vergleichen, ist zwar möglicherweise witzig, aber nicht zielführend.

  9. Bekir Altas

    Im Ergebnis stimme ich mit ihnen überein Herr Rux. Nur möchte ich darauf hinweisen, dass Glaubegrundsätze von unterschiedlichen Personen auch unterschiedlich ausgelegt werden können. Die Debatte um die Frau im Islam und oder um die Befreiung vom Schwimmunterricht darf deshalb nicht auf das Kopftuch reduziert werden. Muslimische Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen können sich ebensogut auf ihr Glauben berufen, wie Musliminnen mit einem Kopftuch. Zugleich ist es natürlich auch nicht zielführend, wenn Musliminnen mit Kopftuch dämonisiert werden, indem man ihnen etwa islamistische und/oder fundamentalistische Gesinnungen vorwirft. Ihre Formulierung “strenge Auslegung” scheinte mir eben dies zu implizieren.

    Zum “Burkini” teile ich ihre Meinung ebenfalls. Natürlich muss es der muslimischen Schülerin ermöglicht werden mit dem “Burkini” am Unterricht teilzunehmen, wenn es erstens ihr eigener Wille ist und zweitens ihre Gesundheit nicht gefährdet. Ebenso muss es den muslimischen Schülerinnen gestattet werden am Sportunterricht mit einem Kopftuch teilzunehmen. Hin und wieder werden Fälle bekannt, dass Lehrer und Lehrerinnen Schülerinnen mit einem Kopftuch vom Sportunterricht verwiesen haben. Diese Art der Bekleidung darf den Schülerinnen jedoch nicht vorgeschrieben werden. Denn aus Gesprächen ist mir bekannt, dass sich viele Frauen und Mädchen in einer solchen Kleidung nicht wohl fühlen. Der Vergleich mit einem “Batman-Kostüm” stammt aus einem solchem Gespräch.

    Gruß
    Bekir Altas

  10. Johannes Rux

    @Bekir Atlas

    danke für die quasi-Zustimmung. Wenn Sie mein Blog schon länger lesen (und dass Sie das tun, weiss ich ja), dann wissen Sie sehr gut, dass ich mich strikt dagegen verwehre, jede Muslima, die ein Kopftuch trägt, gleich für eine fundamentalistische Islamisten zu halten, die nicht mehr auf dem Boden der Verfassungsordnung steht. Das ändert nichts daran, dass ich es schon für eine strenge (oder vielleicht besser orthodoxe) Auslegung des Koran oder der Bibel halte, wenn man aus diesen Schriften strikte Gebote für das Verhalten im Alltag ableitet. Ob ich persönlich ein solches Verhalten gut oder schlecht finde, will ich dabei offen lassen. Das muss jeder für sich entscheiden.

    Zum Sport und Kopftuch (ein anderes Thema) nur eine kurze Anmerkung: Je nachdem, um welche Sportart es geht, kann die Bekleidung schon zum Problem werden, weil sich z.B. die Gefahr eines Unfalls erhöhen kann. Aus demselben Grund sind in der Regel auch Halsketten oder Ohrringe im Sport verboten. Das alles muss aber im Einzelfall geprüft werden. In der Regel sollten sich Lösungen finden lassen.

  11. Hatice

    Also ich hab mich schon in anderen Foren über dieses Thema umgeschaut und ich frage mich was die deutschen eigentlich haben. Ich weiß nicht wie das in andere muslimischem Mädchen aussieht aber ich drücke mich keineswegs wegen Faulheit oder wegen dem Zwang meiner Eltern vom Schwimmunterricht und ich mache auch Sport während ich faste.

    Ich werde mein Kopftuch nicht wegen dem Schwimmunterricht abnehmen und wenn Deutschland findet, dass muslimische Mädchen schwimmen müssen dann soll nicht irgendetwas über Religionsfreiheit im Grundgesetzbuch stehen.

    Warum kann man nicht einfach unsere Religion respektieren und das tut man nicht egal was man mir sagt. Außerdem hat doch Deutschland die Türken mit meist islamischer Religion in der Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland geholt. Als sie sie gebraucht haben wars ja noch gut und jetzt jetzt können sie wieder zurück. Aber jetzt soll sich Deutschland um sie kümmern. Das ist ihr Recht.

    ich sage ja nicht, dass die Musliminen während dem Schwimmunterrciht Zuhause beliben sollen. Sie können ja bei einer anderen Klasse den Sportunterricht nachholen. Das ist doch ein Kompromiss.

  12. Johannes Rux

    @Hatice: Im Prinzip habe ich ja Verständnis für Ihr Anliegen. Es gibt aber meines Wissens kein Gebot, dass muslimische Mädchen und Frauen daran hindern würde, Schwimmen zu lernen. Solange der Unterricht nach Geschlechtern getrennt erteilt wird, sollte es daher kein Problem darstellen, am Unterricht teilzunehmen.

Einen Kommentar schreiben:


Die Seiten von staatsrecht.info wurden seit dem 24.04.2001 von mindestens   Personen besucht. 


Kontakt - Impressum - ISSN 1862-3204

 Valid RSS!   Creative Commons License