Informationen und Anmerkungen


Sind Gymnasiasten überfordert?

Ein Sturm tobt im Blätterwald. Ganz allmählich ist die Unzufriedenheit über die allzu rasche flächendeckende Einführung des achtjährigen Gymnasiums in den meisten Ländern in Zorn umgeschlagen. Eltern monieren, dass ihren Kindern neben Schule und Hausaufgaben keine Zeit mehr für andere Aktivitäten bleiben. Lehrkräfte verzweifeln, weil die durch die Umstellung von Lehrplänen auf Bildungsstandards entstandenen Freiräume für die Gestaltung des Unterrichts durch die Vorbereitung auf die landeseinheitlichen Vergleichsarbeiten gleich wieder eingeschränkt wurde. Und alle scheinen sich einig darüber zu sein, dass der Pflichtstoff reduziert werden muss.

Nun kann man sich zunächst die Frage stellen, ob die Aufregung gerechtfertigt ist. Schliesslich zeigen nicht nur Sachsen und Thüringen sondern auch viele unserer europäischen Nachbarstaaten, dass es durchaus möglich ist, in 12 Jahren zur Hochschulreife zu gelangen. Allerdings steht hinter diesen Systemen eine andere Kultur. Ist das System darauf zugeschnitten, dass man nur 12 Jahre Zeit hat, dann stellen sich alle Beteiligten darauf ein. Wird ein Jahr “weggenommen” ergeben sich schon wegen der Umstellung zwangsläufig Probleme. Das wäre nicht weiter schlimm - wenn nicht eine ganze Schülergeneration darunter leiden müsste.

Ein Blick ins Ausland zeigt weiterhin, dass Schüler dort scheinbar mit einem weitaus längeren Schultag gut zurecht kommen. In der Tat muss man wohl davon ausgehen, dass sich derzeitige Aufregung nicht zuletzt aus der Unzufriedenheit der Eltern ergibt, die bisher gewohnt waren, dass ihre Kinder zum Mittagessen wieder aus der Schule zurück sind. Nun müssen sie mit erleben, dass die lieben Kleinen plötzlich einen, zwei oder gar drei Tage nachmittagsunterricht haben. Wieder deutet ein Blick ins Ausland darauf hin, dass genau das durchaus üblich ist - wobei allerdings eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung steht. Wer faktisch Ganztagsschulen einführt, der braucht Mensen, Betreuungsangebote und vor allem eine Reorganisation des Unterrichtsrhythmus, da wohl jedem klar sein dürfte, dass es keinen Sinn hat, Kindern und Jugendlichen 10 Stunden am Tag Fachunterricht zu erteilen.

Lösungsvorschläge:

  • Reduzierung der Pflichtstundenzahl bis zum Abitur (die berühmten 265 Schulstunden). Ein wohlfeiler Vorschlag - der aber nicht weiter hilft, da deutsche Schüler ohnehin im internationalen Vergleich eher wenig Unterrichtsstunden haben.
  • Reduzierung des Stoffs: Das wäre möglich und wohl auch sinnvoll. Schliesslich geht es heute nicht mehr darum, den Kindern und Jugendlichen einen bestimmten Bildungskanon zu vermitteln, sondern um Methodenkompetenz. Die könnte aber gerade dadurch verbessert werden, dass man auf Inhalte verzichtet, um den Schülern die Gelegenheit zu geben, sich das Wissen wirklich selbst zu erarbeiten. Aber dann müsste man auf die Vergleichsarbeiten verzichten. Denn diese bestimmten die Unterrichtsinhalte in der Praxis weit stärker als jeder Lehrplan.
  • Wiedereinführung des Samstagsunterrichts - nachdem auch andere Arbeitnehmer damit leben müssen, dass die Arbeitswoche nicht mehr von Montag bis Freitag dauert, scheint das durchaus eine Möglichkeit zu sein. Allerdings wird der Zeitrahmen, der Familien für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung steht, damit noch kleiner.
  • Einführung von Ganztragsschulen. Langfristig ist das sicher die beste Lösung. Aber es wird dauern - und Geld kosten.
  • Ein Vorschlag ist bisher erstaunlicherweise nicht gefallen: Warum verkürzt man nicht die Ferien? Die sind im internationalen Vergleich nämlich eher lang. Dadurch könnte das Unterrichtspensum besser verteilt werden - und wahrscheinlich wäre der Lernerfolg grösser als wenn mehr Unterrichtsstunden in jede Woche gepresst werden. Allerdings müsste man dafür wohl die Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte reduzieren, die selbst unter Einberechnung der Schulferien schon heute keine 41-Stunden-Woche haben. Davor schrecken Kultus- und Finanzminister jedoch zurück.

    Was bleibt Eltern, die für Ihre Kinder nur das Beste wollen? Eine Möglichkeit, die viel zu wenig beachtet wird, besteht darin, Umwege zu gehen. Warum muss ein Kind gleich aufs Gymnasium gehen? Nicht wenige Kinder könnten davon profitieren, wenn sie zunächst eine Real- oder Mittelschule besuchen. Heute haben viele Eltern Angst, dass der Weg aufs Gymnasium verbaut ist, weil dort bereits in der 6. oder gar 5. Klasse mit dem Unterricht in einer zweiten Fremdsprache begonnen wird. Das ist ein Problem, das sich aber lösen liesse. Viel wichtiger ist jedoch, dass es in vielen Ländern möglich ist, nach der mittleren Reife auf ein Fachgymnasium zu wechseln. Zwar braucht man dort in der Regel 3 Jahre bis zum Abitur - aber ist das schlimm?

    Entscheidend ist, dass die Durchlässigkeit der Systeme verbessert wird. Das bedeutet nicht nur, dass Schüler ins Gymnasium “aufsteigen” können, sondern auch, dass die Gymnasien es als ihre Pflicht erkennen, diesen Schülern - ebenso wie denjenigen, die wegen eines Umzugs die Schule wechseln mussten - den Einstieg zu erleichtern.


    Dieser Eintrag wurde am Mittwoch, den 13. Februar 2008 um 17:50 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


    7 Kommentare zu “Sind Gymnasiasten überfordert?”

    1. Michael

      Hundling, elender! Willst uns unsere Ferien rauben, eh? Das mit der Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung als Kompensation glaubst Du doch selber nicht!

    2. Johannes Rux

      immer sachlich bleiben… ich sage ja, dass die Kultus- und Finanzminister nicht bereit sein werden, einer Deputatsreduzierung zuzustimmen. Und gegen den Widerstand der Lehrkräfte die Ferien zu verkürzen, hat keinen Sinn.

    3. Christian

      Warum Lehrkräfte mehr als doppelt soviel Ferienzeit wie normale Arbeitnehmer haben, hat sich mir noch nie erschlossen. Und komme mir keiner mit dem “stressigen Job” - den haben andere auch!

    4. Johannes Rux

      @Christian: In der Wissenschaftstheorie nennt man es Immunisierung, wenn jemand an seiner Überzeugung festhält, obwohl es mittlerweile zahlreiche Belege gibt, dass die von ihm vertretene Theorie nicht zutrifft.

      http://www.pr.uni-freiburg.de/pm/2006/pm.2006-07-14.202/
      http://www.gew-nrw.de/untergliederung/gelsenkirchen/Gelsenkirchen_1.cfm
      http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/bildung-sport/service/gesundheitsmanagement/fit-und-stark-schoenfelder,property=source.pdf

      Schönwälder, H.-G.: Belastungen im Lehrerberuf. Empirische Daten, Befunde, Aspekte. In: Gudjons, H.
      (Hrsg.): Entlastung im Lehrerberuf. Hamburg, 1993, S. 11 bis 20
      Schönwälder, H.-G: Dimensionen der Belastung im Lehrerberuf – Versuch einer Orientierung. In: Buchen, S. et al. (Hrsg.): Jahrbuch für Lehrerforschung, Bd. 1. Weinheim u. a., 1997, S. 179 - 202
      Klemm, K.: Zeit und Lehrerarbeit. In: Rolff, H.-G./Bauer, K.O./Klemm, K./Pfeiffer, H. (Hrsg.): Jahrbuch der Schulentwicklung. Band 9. Daten, Beispiele und Perspektiven. Weinheim und München 1996. S. 115-142

      Dabei soll nicht verhehlt werden, dass es eine große Streubreite gibt. Die Belastung hängt nicht nur von den Unterrichtsfächern und der Klassenstufe ab, sondern auch von der Bereitschaft, sich zu engagieren.

      Aber Sie wollten das ja nicht hören….

    5. Christian

      Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Und seien Sie mir nicht böse, wenn ich Quellen wie die GEW nicht für der Wissenschaft höchsten Stand halte. Denn zur Wissenschaft gehört auch Quellenkritik.

      Zugegeben: der Lehrerberuf mag anstrengend sein. Das trifft auf die Berufe des Richters, Anwalts, Polizisten, Arztes, Krankenpflegers etc. aber ganz genauso zu. Nur daß dort die Urlaubszeit erheblich kürzer ist.

    6. Johannes Rux

      @Christian: Ich bin Ihnen keineswegs böse. Wie käme ich denn dazu. Schliesslich haben Sie genau dort angebissen, wo ich die Angel ausgelegt hatte. Natürlich geht einer der drei Links auf eine Seite der GEW, also eine Interessenvertreter-Organisation - Dort wurde aber keineswegs ein Standpunkt der GEW referiert, sondern ein Vortrag eines renommierten Schulforschers publiziert. Quellenkritik bedarf es in der Tat… Dann aber auch sachlich.

      Wir können uns nun natürlich stundenlang darüber streiten, ob Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen wirklich im Schnitt mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten (und zwar unter Einbeziehung der längeren Urlaubszeit!). Das wäre aber wenig hilfreich. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen derzeit nach allen mir bekannten Studien selbst unter Berücksichtigung der Schulferien mindestens so lange arbeiten, wie andere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in vergleichbaren Ämtern. Reduziert man die Ferien, muss man daher an einer anderen Stelle einen Ausgleich schaffen. Wie auch immer der aussieht.

      Es geht nicht darum, dass der Lehrerberuf besonders anstrengend ist. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass andere Berufsgruppen mit vergleichbaren Belastungen umgehen müssen. Aber wenn der Staat Recht setzt, dann muss er sich auch daran halten. Oder er muss zugeben, dass er von manchen Beschäftigten weit mehr verlangt als von anderen.

    7. Frank

      Sie bringen es in Ihrem Blogbeitrag zutreffend auf den Punkt. Der Ansatz, Ausbildungszeiten zu verkürzen ist natürlich richtig. Dass dies für die Betroffenen zu Mehrbelastungen führt, ist praktisch unvermeidbar. Wenn es aber darum geht, diese vernünftig abzufedern, beginnt das Dilemma. Aus Sicht der Haushaltskonsolidierung soll das achtjährige Gymnasium möglichst Kosten sparen anstatt Mehrkosten zu verursachen. Diese Rechnung geht alleine schon deswegen nicht auf, weil die Verdichtung des Stundenplans nicht weniger Lehrerdeputat erfordert. Will man dann aber noch flankierende Maßnahmen ergreifen (wie Mensen, Hausaufgabenbetreuung in der Schule etc.) geht das zusätzlich ins Geld. Angesichts des aufkommenden wirtschaftlichen Abschwungs und daraus dann resultierender sinkender Steuereinnahmen bin ich hier nicht allzu optimistisch.

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