Informationen und Anmerkungen


Zweierlei Mass?

Als ich diese Meldung über die Schliessung eines Münchener Kindergartens gelesen hatte, habe ich mich erst darüber gefreut, dass die bayerischen Behörden bereit sind, das Kindeswohl auch gegenüber den Eltern der Kinder zu verteidigen - wobei ich zugeben muss, dass man die Details kennen müsste, um beurteilen zu können, ob das Wohl der Kinder hier wirklich gefährdet war.

Allerdings stelle ich mir nach einiger Überlegung doch die Frage, on in Bayern nicht mit zweierlei Mass gemessen wird: Schliesslich akzeptiert der Freistaat die Schule der “Zwölf Stämme“, obwohl diese Schule die Anforderungen für die Genehmigung als Ersatzschule nicht erfüllt. Zwar geschicht dies “zähneknirschend”, weil man glaubt, nur auf diese Weise sicher stellen zu können, dass die Kinder der Angehörigen der 12 Stämme überhaupt eine Schule besuchen. Aber man kann und muss sich schon die Frage stellen, ob es dem Wohl der Kinder dient, wenn diese in einer religiösen Subkultur aufwachsen und von jedem Kontakt mit Andersdenkenden ferngehalten werden.

Bedenkt man zudem, dass es keine Kindergartenpflicht gibt, stellt sich weiterhin die Frage, welche Folge die Schliessung des Sendlinger “Kinderhäusl” hat. Wenn man davon ausgeht, dass die Eltern ihre Kinder bisher gerade deshalb in diese Einrichtung geschickt haben, weil den lieben Kleinen schon dort die Lehren von L. Ron Hubbard vermittelt werden, dann liegt es auf der Hand, dass diese Eltern ihre Kinder nun nicht ohne Weiteres einer der multikulturellen Kitas in der Umgebung anvertrauen werden. Vielmehr ist zu erwarten, dass man sich andere Betreuungsformen sucht, in denen die Kinder dann nach denselben Grundsätzen erzogen werden - aber ohne staatliche Aufsicht. Sollten die Kinder im “Kinderhäusl” so erzogen worden sein, wie Scientology-Aussteiger berichten, dann hätte nicht nur Anlass bestanden, dem Kinderhäusl die Betriebserlaubnis zu entziehen, sondern die Behörden hätten auch und vor allem prüfen müssen, ob hier nicht sogar ein Entzug des Sorgerechts geboten ist.

Aus dieser Perspektive drängt sich aber ein ganz anderer Eindruck auf: Die Betriebserlaubnis ist in der Regel Voraussetzung für die öffentliche Förderung von Kinderbetreuungseinrichtungen. Vielleicht ging es bei der Entscheidung der Behörden daher gar nicht so sehr um das Wohl der betroffenen Kinder als vielmehr darum, dass man jeden Anschein vermeiden wollte, dass der bayerische Staat oder die Stadt München eine Scientology-Einrichtung finanziell unterstützt. Die Frage, welche Werte die Eltern der Erziehung ihrer Kinder zugrunde legen und wie sie selbst dafür sorgen, dass die Kinder diese Werte auch verinnerlichen, hat möglicherweise gar keine allzu große Rolle gespielt - weil man dann auch eine Antwort auf die Frage hätte geben müssen, was der Staat dafür tun kann und muss, dass Kinder und Jugendliche lernen, in einer pluralistischen und multi-kulturellen Welt zu leben.


Dieser Eintrag wurde am Dienstag, den 26. Februar 2008 um 8:06 Uhr erstellt und ist in der Kategorie Bildungsrecht zu finden. Sie koennen die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie koennen einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


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